Multitasking: Mythos oder Superkraft? Was die Wissenschaft wirklich sagt
Kennst du das? Du beantwortest gerade eine E-Mail, während im Hintergrund ein Online-Meeting läuft. Gleichzeitig blinkt eine Teams-Nachricht auf, das Smartphone vibriert und im Kopf planst du schon den nächsten Termin. Irgendwie klappt das alles – oder?
Viele Menschen sind überzeugt, echte Multitasking-Talente zu sein. Schließlich gehört es für viele längst zum Alltag, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Doch was sich effizient anfühlt, ist aus Sicht der Wissenschaft oft etwas ganz anderes.
Die spannende Frage lautet also: Kann unser Gehirn überhaupt multitasken?
Was bedeutet Multitasking eigentlich?
Der Begriff Multitasking stammt ursprünglich aus der Informatik. Computer können mehrere Prozesse parallel ausführen und zwischen ihnen Ressourcen verteilen.
Beim Menschen bedeutet Multitasking hingegen, zwei oder mehr anspruchsvolle Aufgaben gleichzeitig bewusst zu bearbeiten.
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied: Unser Gehirn arbeitet nicht wie ein Computer.
Gibt es Multitasking überhaupt?
Die meisten Situationen, die wir als Multitasking bezeichnen, sind in Wahrheit Task Switching – also das schnelle Wechseln zwischen verschiedenen Aufgaben.
Die American Psychological Association (APA) beschreibt, dass unser Gehirn dabei permanent zwischen Aufgaben hin- und herspringt, anstatt sie wirklich parallel zu verarbeiten. Dieses Umschalten verursacht sogenannte Switching Costs: kleine Zeitverluste und zusätzliche mentale Belastung bei jedem einzelnen Wechsel. Auch wenn diese oft nur Sekundenbruchteile dauern, summieren sie sich im Laufe eines Tages erheblich. Mehr dazu erklärt die APA in ihrem Beitrag „Multitasking: Switching Costs“: https://www.apa.org/research/action/multitask.
Mit anderen Worten: Während wir glauben, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, arbeitet unser Gehirn sie nacheinander ab – nur eben unglaublich schnell.
Warum kann das Gehirn nicht mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeiten?
Unser Arbeitsgedächtnis verfügt nur über begrenzte Kapazitäten. Immer dann, wenn zwei Aufgaben dieselben geistigen Ressourcen benötigen – etwa Aufmerksamkeit, Sprachverarbeitung oder Entscheidungsfindung –, geraten sie miteinander in Konkurrenz.
Ein einfaches Beispiel:
Spazierengehen und sich unterhalten funktioniert meistens problemlos. Das liegt daran, dass Gehen weitgehend automatisiert ist.
Ganz anders sieht es aus, wenn du versuchst, einen wichtigen Bericht zu schreiben und gleichzeitig einem Telefonat aufmerksam zu folgen. Beide Tätigkeiten benötigen dieselben kognitiven Ressourcen – und genau deshalb wird es anstrengend.
Was ist Task Switching?
Bereits Anfang der 2000er-Jahre konnten die Psychologen Joshua Rubinstein, Jeffrey Evans und David Meyer zeigen, dass Menschen bei jedem Wechsel zwischen zwei Aufgaben messbar Zeit verlieren. Je komplexer oder ungewohnter die Aufgaben waren, desto größer fiel dieser sogenannte Switching Cost aus. Die Originalstudie ist über PubMed abrufbar: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11518143/.
Warum?
Bei jedem Wechsel muss das Gehirn:
- die aktuelle Aufgabe unterbrechen,
- Informationen kurzfristig speichern,
- Regeln für die neue Aufgabe aktivieren,
- und anschließend wieder zur ursprünglichen Aufgabe zurückfinden.
Dieser Prozess läuft meist unbewusst ab – kostet aber jedes Mal Konzentration und Energie. Der Psychologe David Meyer schätzt, dass häufiges Wechseln zwischen komplexen Aufgaben die Produktivität erheblich reduzieren kann.
Macht häufiges Multitasking besser darin?
Viele Menschen fragen sich, ob sich Multitasking trainieren lässt.
Eine der bekanntesten Studien zu diesem Thema stammt von Forschenden der Stanford University. Eyal Ophir, Clifford Nass und Anthony Wagner untersuchten Menschen, die besonders häufig mehrere Medien gleichzeitig nutzen. Das Ergebnis fiel überraschend aus:
Personen mit ausgeprägtem Medien-Multitasking ließen sich leichter ablenken, hatten größere Schwierigkeiten, unwichtige Informationen auszublenden und schnitten sogar schlechter bei Aufgaben ab, die schnelles Umschalten zwischen verschiedenen Tätigkeiten erforderten.
Die Studie wurde in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht und ist frei zugänglich: https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.0903620106.
Spätere Übersichtsarbeiten weisen allerdings darauf hin, dass die Zusammenhänge komplexer sind als zunächst angenommen. Die Forschung untersucht weiterhin, ob häufiges Multitasking die Aufmerksamkeit verändert oder ob Menschen mit bestimmten Aufmerksamkeitsmustern eher zu Multitasking neigen.
Gibt es Menschen, die wirklich multitasken können?
Ja – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Sobald eine Tätigkeit weitgehend automatisiert ist, kann sie problemlos mit einer zweiten Aufgabe kombiniert werden.
Dazu gehören beispielsweise:
- Spazierengehen und Reden
- Wäsche zusammenlegen und einen Podcast hören
- Kaffee trinken und Zeitung lesen
Schwieriger wird es immer dann, wenn beide Aufgaben gleichzeitig aktives Denken verlangen.
Wer schon einmal versucht hat, während eines Meetings eine anspruchsvolle E-Mail zu formulieren, kennt das Ergebnis vermutlich: Am Ende muss man entweder den Gesprächsverlauf nachlesen oder den eigenen Text noch einmal überarbeiten.
Sind Frauen wirklich besser im Multitasking?
Ein hartnäckiger Mythos besagt, Frauen seien von Natur aus bessere Multitasker. Die wissenschaftliche Evidenz spricht jedoch dagegen.
Bisher konnten Forschende keinen eindeutigen Nachweis dafür finden, dass Frauen komplexe Aufgaben grundsätzlich besser gleichzeitig bewältigen als Männer. Einzelne Studien berichten zwar über kleine Unterschiede in bestimmten Versuchsanordnungen, insgesamt ergibt sich jedoch kein konsistentes Bild. Deshalb gehen viele Forschende heute davon aus, dass die grundlegenden Grenzen unserer Aufmerksamkeit unabhängig vom Geschlecht gelten.
Warum fühlt sich Multitasking trotzdem so produktiv an?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du beantwortest Nachrichten, führst Telefonate, bearbeitest Dokumente und hast den Eindruck, unglaublich viel geschafft zu haben.
Genau darin liegt die Täuschung.
Psychologisch entsteht leicht eine Illusion von Produktivität. Wir sind permanent beschäftigt, unser Gehirn arbeitet auf Hochtouren – doch die eigentliche Aufgabe dauert oft länger, die Fehlerquote steigt und wir fühlen uns am Ende erschöpfter als nach konzentriertem Arbeiten an einer Sache.
Fazit: Multitasking ist meist ein Mythos
Die Wissenschaft zeichnet heute ein erstaunlich klares Bild.
Echtes Multitasking ist beim Menschen nur dann möglich, wenn mindestens eine der ausgeführten Tätigkeiten automatisiert abläuft.
Sobald zwei komplexe Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit, Sprache oder Entscheidungen erfordern, arbeitet unser Gehirn nicht parallel. Es schaltet blitzschnell zwischen ihnen hin und her – und genau dieses Task Switching kostet Zeit, Konzentration und mentale Energie.
Vielleicht ist die eigentliche Stärke unseres Gehirns deshalb gar nicht, möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Sondern einer Aufgabe genau die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient.
Schon gewusst?
Gerade in der IT gehören konzentriertes Arbeiten und das Lösen komplexer Probleme zum Alltag. Umso wichtiger ist es, Ablenkungen zu reduzieren und bewusste Fokusphasen zu schaffen. Denn oft ist nicht die Anzahl der gleichzeitig erledigten Aufgaben entscheidend, sondern die Qualität der Aufmerksamkeit.
Häufig gestellte Fragen zum Thema Multitasking
Kann das Gehirn wirklich Multitasking?
Nur eingeschränkt. Unser Gehirn kann mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausführen, wenn mindestens eine davon automatisiert ist – zum Beispiel Gehen und Sprechen. Bei komplexen Aufgaben wechselt es jedoch meist nur schnell zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und her.
Was ist der Unterschied zwischen Multitasking und Task Switching?
Beim Multitasking werden mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeitet. Beim Menschen handelt es sich jedoch meistens um Task Switching: Das Gehirn wechselt schnell zwischen Aufgaben. Dieser Wechsel kostet Zeit und Konzentration.
Kann man Multitasking trainieren?
Bisher gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass Menschen durch häufiges Multitasking besser darin werden. Studien zeigen eher, dass häufiges Wechseln zwischen Aufgaben die Ablenkbarkeit erhöhen kann.
Sind Frauen besser im Multitasking?
Dafür gibt es keinen eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis. Die Forschung zeigt keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei komplexem Multitasking.
Wann funktioniert Multitasking?
Multitasking funktioniert vor allem dann, wenn eine der Tätigkeiten automatisiert abläuft – beispielsweise Autofahren auf einer bekannten Strecke und Musik hören. Bei zwei anspruchsvollen Denkaufgaben stößt unser Gehirn schnell an Grenzen.